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Protestartikel der Bauern von Obhausen bei Querfurt

Signatur:
LASA, A 32a, Nr. 392
Seitenangabe:
3r-v
Datierung:
um Mai 1525
Orte:
Obhausen
Obhausen
Bearbeiter:
Rothe, Vicky
Überlieferungsform:
Abschrift
Historische Einordnung:
Die wahrscheinlich im Mai 1525 entstandenen zwölf Artikel der Bauern von Obhausen sind ein Spiegel der sich verändernden Agrargesellschaft und Ausdruck bäuerlichen Aufbegehrens
zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die im Zusammenhang mit der reformatorischen Bewegung und dem Bauernkrieg gesehen werden können. Sie zeugen von dem Willen, die dörfliche Gesellschaft neu zu gestalten oder zumindest die soziale Lage der Bauern innerhalb dieser Gemeinschaft zu verbessern.
Die Ursachen für die Verschlechterung der bäuerlichen Situation sind dabei sehr komplex und regional unterschiedlich: Seit dem 15. Jahrhundert stieg die Bevölkerung stetig an, was sich nachhaltig auf die Sozialstruktur und die Agrarverfassung auswirkte. Die Landwirtschaft konnte mit diesem Wachstum nicht mithalten, sodass es zur Verknappung der Lebensmittel kam. Zugleich war ein Überangebot an Arbeitskräften zu verzeichnen – so erhöhten sich auf dem Land zunehmend die klein- und unterbäuerlichen Schichten, wie Landlose oder Tagelöhner – wodurch die Löhne zu sinken begannen und erhebliche soziale Spannungen zwischen begüterten Vollbauern und Land- bzw. Besitzlosen auftraten. Zudem mussten die meisten Bauern einen Teil ihrer erwirtschafteten Erträge an ihre Grundherren abgeben. Dies erfolgte in der Form von Abgaben (Naturalien, Geldzahlungen) und Frondiensten. Zusätzlich fielen weitere Steuerzahlungen an die Kirche, der sogenannte Kirchenzehnt, wie auch an den Landesherrn an, welcher im Laufe des 16. Jahrhunderts verstärkt in die Verhältnisse vor Ort eingriff und somit seinen frühmodernen Territorialstaat ausbaute. Darüber hinaus führte die rechtliche Minderstellung der Bauern zu neuen Konfliktfeldern. Die Eingriffe der örtlichen Obrigkeit in das Allmenderecht, was vor allem eine Einschränkung von Nutzungsrechten von Wäldern, Weideland und Gewässern bedeutete, ließen die Belastung für die ländliche Bevölkerung vielerorts weiter zunehmen.
Um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen, erstellten die einzelnen Gemeinden Beschwerdekataloge. Für viele galten die „12 Artikel“ der Bauern aus Oberschwaben bzw. aus der Region am Oberrhein rund um Memmingen als Vorbild, die zwischen Ende Februar und Anfang März 1525 entstanden waren. Diese fanden durch den aufblühenden Buchdruck schnelle Verbreitung im gesamten Deutschen Reich und dienten als Grundlage für die vielen, meist ungedruckten lokalen Programmschriften, wie auch im vorliegenden Beispiel aus Obhausen.
Die Gemeinde von Obhausen orientierte sich an deren Aussagen ohne sie vollständig zu übernehmen oder sich explizit auf sie zu beziehen. Ihr Anliegen zielte größtenteils auf die wirtschaftliche Entlastung und Abschaffung der sozialen Abhängigkeiten. So forderten die Bauern die freie Nutzung der fließenden Gewässer (Art. 1), der Holzbestände (Art. 2) und des gemeinsamen Backofens (Art. 11). Es ging ihnen also um die Restituierung alter Gemeinderechte und um einen besseren Zugang zur Allmende für die Dorfgemeinschaft. Des Weiteren lehnten sie sich gegen die Frondienste (Art. 3) sowie gegen das Schankgeld, sämtliche Steuerzahlungen an den Landesherrn und sonstige Abgaben (Art. 6, 7, 8, 9) auf. Damit korreliert auch die Weigerung, den Zehnten zu zahlen (Art. 4). Gleichermaßen wehrten sie sich gegen die Einziehung von Gütern durch den Grundherrn (Art. 10) und die obrigkeitliche richterliche Willkür (Art. 12). Die lokale Herrschaft wird aber nicht grundsätzlich angezweifelt, die „revolutionäre Brisanz“ der Artikel besteht vielmehr darin, dass sie bisher nicht festgeschriebenes Recht in Frage stellten und hier ein klarer Übergang vom Gewohnheitsrecht zum schriftlich fixierten Recht verortet werden kann.
Im Gegensatz zu den oberdeutschen Artikeln werden die Wahl eines eigenen Pfarrers und der Wunsch nach evangelischer Predigt jedoch nicht angesprochen und es fehlen Hinweise auf die argumentative Verwendung des göttlichen Rechts. Allerdings möchte die Gemeinde auch nicht mehr Steuern an den Domherrn zu Merseburg bezahlen (Art. 5). Ob sich dahinter antiklerikale Tendenzen verbergen, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden. Die Nähe Obhausens zu dem nur 15 km entfernt gelegenen Bauernhaufen von Osterhausen, zur Stadt Halle, in der 1524/25 Unruhen herrschten, sowie zu Allstedt und damit zur ehemaligen Wirkungsstätte von Thomas Müntzer und seinen sozialrevolutionären Ansichten, lassen einen Bezug zu den generellen Aussagen der bäuerlichen Aufstandsbewegung des Jahrs 1525 vermuten. Zudem waren die reformatorischen Lehren und deren Breitenwirkung im unmittelbaren Umland, beispielsweise in der Stadt Querfurt, bekannt. Die evangelische Bewegung war zwar nicht Auslöser der Bauernunruhen, gleichwohl gab sie aber einen ideellen Anstoß. So bezogen sich die reformatorischen Schriften selbst auf die sozialen und wirtschaftlichen Anliegen, die wiederum die Bauern bereitwillig aufgriffen.
Insgesamt bilden die Artikel von Obhausen die lokalen Verhältnisse ab, sozialökonomische Probleme standen dabei klar im Vordergrund. Die Artikel zielten auf materielle Entlastung, Sicherung der Rechte der Dorfgemeinde und die Herstellung eines alten (Rechts-) Zustandes.
Übersetzung:
Articles of protest of the peasants of Obhausen near Querfurt, ca. May 1525

The twelve articles of the peasants of Obhausen, probably drawn up in May 1525, are a reflection of the changing agrarian society and an expression of peasant rebellion at the beginning of the 16th century, which can be seen in the context of the Reformation movement and the Peasants' War. They bear witness to the desire to restructure the village community or at least improve the social situation of the peasants within this community.
The reasons behind the deterioration of the peasants' situation are very complex and differed from region to region: The population had grown continuously since the 15th century, which had a lasting impact on the social structure and the feudal system. Agriculture was unable to keep up with this growth, resulting in a food shortage. At the same time, there was a surplus of workers – the peasant and sub-peasant strata, such as landless or day laborers, steadily increased in rural areas - causing wages to decrease and leading to significant social tensions between wealthy landed farmers and the landless or dispossessed. In addition, most peasants had to surrender a portion of their yields to their landlords. This was done in the form of taxes (in kind, cash payments) and compulsory labor. In addition, further tax payments to the church, called the church tithe, and the sovereign, who in the course of the 16th century intervened in local circumstances to an increasing extent and thereby developed his early modern territorial state, were required. Furthermore, the legally inferior position of the peasants gave rise to new areas of conflict. The intervention of the local authorities in laws pertaining to use of the commons, which primarily meant a limitation of rights to the use of forests, pastures, and waters, further increased the burden on the rural population in many places.
To express their displeasure, the individual communities created catalogs of complaints. Many used the "12 Articles" drawn up between late February and early March 1525 by the peasants from Upper Swabia and the Upper Rhine region surrounding Memmingen as a model. These spread rapidly throughout the German Empire thanks to the newly developed and thriving letterpress printing process and served as the basis for the many, mostly unprinted local publications, as in the present example from Obhausen.
The community of Obhausen based its list on these Twelve Articles but did not copy them exactly or referred explicitly to them. It focused mainly on economic relief and the abolition of social dependencies. The peasants demanded the free use of flowing waters (Art. 1), timber (Art. 2) and the community oven (Art. 11). Thus, they were concerned with the restitution of former community rights and better access to the commons for the community. Furthermore, they rebelled against compulsory labor (Art. 3) and levies on intoxicants, all taxes owed to the sovereign and other levies (Art. 6, 7, 8, 9). This also correlates with the refusal to pay tithes (Art. 4). Similarly, they resisted the appropriation of land by the landlord (Art. 10) and the magisterial arbitrariness of the authorities (Art. 12). However, the local rule is not questioned in principle; the "revolutionary explosiveness" of the Articles lies rather in the fact that they question thus far unwritten laws, marking a clear transition from customary law to written law.
In contrast to the Upper German articles, the selection of a priest for the community and the desire for evangelical preaching are not mentioned and there are no references to the argumentative use of divine law. However, the community also no longer wishes to pay taxes to the Canon of Merseburg (Art. 5). It cannot be said with certainty whether this intention concealed anticlerical tendencies. The proximity of Obhausen to the peasants of Osterhausen 15 km away, to the city of Halle, which was the scene of riots in 1524/25, and to Allstedt and thus the former domain of Thomas Müntzer and his social-revolutionary views, suggest a connection to the general statements of the peasants' revolutionary movement of 1525. Moreover, the doctrines of the Reformation and their widespread impact were known in the immediate surroundings, for example in the city of Querfurt. While the evangelical movement did not trigger the agrarian disturbances, it certainly provided a conceptual impulse. Reformational texts themselves referred to social and economic concerns, which the peasants willingly took up.
Overall, the Articles of Oberhausen reflect the local conditions, with a clear focus on socio-economic problems. The Articles were aimed at achieving material relief, safeguarding the rights of the village community, and the (re)establishment of a former (legal) status.
Literatur:
Peter Blickle, Nochmals zur Entstehung der Zwölf Artikel im Bauernkrieg, in: Ders. (Hrsg.), Bauer, Reich und Reformation. Festschrift für Günther Franz zum 80. Geburtstag am 23. Mai 1982. Stuttgart 1982, 286–308.
Peter Blickle, Die Revolution von 1525, 4. durchgesehene und bibliografisch erweiterte Auflage. München 2004.
Rudolf Endres, Die Ursachen des Bauernkriegs, in: Mühlhausen, der Bauernkrieg und Thomas Müntzer: Realitäten – Visionen – Illusionen. Protokollband zum wissenschaftlichen Kolloquium am 27. Mai 2000 im Bauernkriegsmuseum Kornmarktkirche in Mühlhausen/Thüringen, hrsg. vom Mühlhäuser Museen in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Mühlhausen. Mühlhausen 2000, 66–78.
Volker Graupner, Die Dorfgemeinde und ihre Artikel im Bauernkrieg, in: Günter Vogler (Hrsg.), Bauernkrieg zwischen Harz und Thüringer Wald. (Historische Mitteilungen im Auftrag der Ranke-Gesellschaft Bd. 69) Stuttgart 2008, 347–361.
Carl-Josef Virnich, Der „Deutsche Bauernkrieg“ - Einführung, in: historicum.net, abrufbar unter URL: www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/737/ [letzter Abruf: 08.05.2014].
Günter Vogler, Bäuerliche und städtische Aufstände zwischen Harz und Thüringer Wald. Ein Überblick, in: Ders. (Hrsg.), Bauernkrieg zwischen Harz und Thüringer Wald. (Historische Mitteilungen im Auftrag der Ranke-Gesellschaft Bd. 69) Stuttgart 2008, 65–90.
Nachweis früherer Editionen:
Walther Peter Fuchs (Hrsg.), Akten zur Geschichte des Bauernkriegs in Mitteldeutschland, Bd. II. Jena 1942, Nr. 1270, 169 f. [fehlerhaft: versehentlich „Osterhausen“ statt Obhausen gelesen]
Bemerkung:
1 Blatt, Papier, 32,4x 21,1cm; beidseitig beschrieben